Instantlösungen: Eine Illusion!

Hunde passen sich unseren Lebensverhältnissen und unserem Rhythmus erstaunlich gut an. Sie internalisieren unser Lebenstempo und kommen ins parallele Schwingen. …so zumindest sollte es sein – wenn man seine Erziehungsaufgaben richtig erfüllt hat und den Bedürfnissen des Lebenspartner Hund nachkommt.

In der Praxis begegnen mir täglich Hundeteams  bei denen das  Schwingen  noch in der Chaosphase steckt. Die Angleichung befindet sich im besten Falle in der Aufbauphase. In anderen Fällen sind die Kurven am auseinander driften. In letzterem Beispiel wird dann oft nach Instantlösungen verlangt. Es werden Methoden und Vorgehensweisen gewünscht, die ein problematisches Verhalten innert Tagesfrist nachhaltig verändern. Dass wir hier über den Hund sprechen ist klar! Dass Veränderungen aber vor allem auf Seiten des Halters geschehen müssen, ist das schwierige an der ganzen Sache.

„Mein Hund knurrt mich an!“

Ein häufiges Problem ist die Situation rund um den Futternapf. Wenn es hier zu Aggressionen gegen den Halter kommt, ist klar, dass schnelle Abhilfe geschaffen werden muss. Dem Hund das Knurren abzugewöhnen ist mit viel Druck und Präsenz sicher schnell machbar – was hier aber in erster Linie gemacht wird, ist reine Symptombekämpfung.
Ja. Das Knurren hört auf! Die Wahrscheinlichkeit, dass man nun aber einen Hund bekommt, der zwar nicht mehr knurrt, sondern direkt zubeisst ist immens gross – und dieses Gratispäckchen will sicherlich niemand!

Die Sache mit den Gefühlen

In meiner langjährigen Tätigkeit als Verhaltenstherapeutin ist mir eines deutlich geworden: Wer die emotionale Komponente hinter einem Verhalten ignoriert, wird keine nachhaltige Veränderung erreichen können!

Dieser Satz ist essenziell! Und dieser Satz macht die ganze Sache kompliziert! Denn dieser Satz bedingt, dass man selbstreflexiv agiert – und dies wiederum bedingt den klaren Willen zur Veränderung.

Negativspirale im Aufwind

Im Beispiel mit dem Napf kann die emotionale Komponente auf Seiten des Hundes Unsicherheit oder Angst sein. Negative Emotionen, denen nun mit negativen Interventionen (Positiver Strafe) begegnet wird, lösen noch mehr negative Emotionen auf Seite des Hundes aus – Die Negativspirale bekommt einen Kick!
Meiner Meinung nach geht es bei diesem Beispiel aber nicht primär um den Napf. Es geht vielmehr um das Vertrauensverhältnis zwischen Hund und Mensch. Denn in diesen Fällen finden sich im Alltag und im Handling zwischen den Kontrahenten weitere Problemfelder!

Eine Instantlösung ist also schlichtweg nicht machbar…!

Stadien der Veränderung

Die meisten von uns kennen die Unzufriedenheit mit dem eigenen Gewicht und den Handlungsvorsatz zu mehr Bewegung und zu gesünderer Ernährung. Vielfach bleibt es beim Vorsatz zur Veränderung – das Erreichen des Ziels bleibt oft unerreicht.

Das Transtheoretische Modell (Prochaska/DiClemente 1982) entlarvt den theoretischen Stolperstein hinter diesem Beispiel. Es zeigt auf, dass eine dauerhafte Verhaltensänderung mit Anstrengung und Konsequenz verbunden ist. Bevor dies aber möglich ist, muss die Selbsreflexion und die Handlungsbereitschaft hervortreten.

Das 6-Stufen Model erklärt, was passiert:
1. Die Absichtslosigkeit (precontemplation)
beinhaltet keine Reflexion über eine mögliche Verhaltensänderung; Sie ist durch Passivität und Verneinung gezeichnet. 2. In der Stufe der Absichtsbildung (Kontemplation) wird die eigene Situation überdacht. Sie ist aber von  Ambivalenz gekennzeichnet. 3. In der Vorbereitungsphase (preparation, Determination) beginnt erst die ernsthafte Reflexion. Der Entschluss zur Änderung wird gefasst. 4. Nun erreicht man die Handlungsphase (action). Es werden konkrete Schritte zur Veränderung unternommen. 5. In der Aufrechterhaltungsphase (maintenance) muss man Rückschläge überwinden, den Prozesses der Verhaltensänderung fortsetzen und damit Veränderung festigen. 6. Der Rückfall / Ausrutscher (relapse) schliesst den Kreis ab … Eigene Regeln wurden verletzt. Der Rückfall wird als normales Ereignis bzw. als Stadium der Veränderung bewertet. Nun braucht es ein neues Eintauchen in den Kreislauf der Veränderung.

Ab der 3. Stufe kann ein Verhaltenstherapeut Unterstützung bieten. Seine Aufgabe ist, es ein klares Bild der Hintergründe zu zeichnen und den Anstoss zur Veränderung zu geben.

Es liegt beim Hundehalter

Wie es weiter geht liegt beim Hundehalter. Hier benötigt es ein dauerhaftes Umdenken. Denn nur so ist Veränderung langfristig möglich. Im Falle des Futternapfs bedingt dies vermutlich die Etablierung eines wohlwollenden und unterstützenden Umgangs im Alltag. In einem meiner „Hundenapf-Fälle“ hat eine Veränderung des Handlings das Problem zu 90-Prozent positiv verändert. Dem Halter war nicht bewusst wie gewaltgeprägt sein alltäglicher Umgang mit dem Hund tatsächlich war – das ganze passierte ungewollt! Der Hund wurde ständig bedrängt, überfordert und in seinen Anliegen nicht beachtet. Die Selbstreflexion war mit Videoanalysen möglich – die Reaktion auf Seiten des Halters erstmals von Trauer und Selbstvorwürfen geprägt. Schliesslich aber hat es dieses Team geschafft sich dauerhaft zu verändern und den Prozess des „Gleichschwingens“ begonnen… Mit viel Zeit, Schweiss, Tränen und schliesslich mit tiefer Dankbarkeit.

 

So klappt es mit dem Rückruf

Eines der wichtigsten Signale im Alltag mit einem Hund ist der sichere Rückruf. Doch wie kriegt man es hin, dass der Vierbeiner zuverlässig kommt, wenn man dies verlangt?

Um diese Frage zu beantworten muss man sich im Klaren sein, dass es hierbei nicht um ein schlichtes „Rufen und Kommen“ geht. Es geht um Verständigung, Rückorientierung, um Struktur, Bindung und Beziehung, sowie um das Verständnis für den eigenen Hund. Daher sind gute Rückrufkurse vielschichtig aufgebaut.

Äusserst hilfreich ist es, wenn man sich selber (kritisch!) folgende Fragen stellt: „Wie viel rede ich auf dem Spaziergang mit meinem Hund?“ und „Wie oft beharre ich auf das, was ich gerade möchte?“.
Diese zwei Fragen sind insofern wichtig, weil man im Umgang mit Kommandos immer einen „Plan im Kopf“ haben sollte, den man schliesslich auch konsequent verfolgen muss. Zudem degradiert man sich selber zum Hintergrundgeräusch, wenn man den eigenen Hund ständig mit Wortsalven überhäuft. So hört (mit der Zeit) kein Hund mehr hin, wenn man wirklich einmal etwas möchte.

Der „Spielverderber-Fehler“

Sinnvoll kann es auch sein, sich zu fragen, wann der eigene Hund normalerweise zurückgerufen wird – ist es hauptsächlich, wenn sich in der Ferne etwas tut oder wenn die Leine umgelegt wird. In diesem Fall könnte es sein, dass Sie sich selber zum Spielverderber abstempeln. Gerufen wird also, wenn das Freispiel unter den Hunden beendet wird. Oder der Rückruf ertönt, wenn Herrchen/Frauchen eine Katze, einen anderen Hund oder eine herannahende Person sieht. Solche Verhaltensketten sind grosse Stolpersteine, um einen sicheren Rückruf zu etablieren.

Ein weiterer wichtiger Punkt betrifft die Rückorientierung. Ein Hund, der seinen Menschen auf dem Spaziergang öfter anschaut, kommt auf Rückrufsignale zuverlässiger, als ein Hund, der von sich aus keinen Kontakt zu seinem Menschen herstellt. Daher sollte man freiwillige Blicke des Hundes zumindest verbal quittieren, um den Kontakt (vor allem im Freilauf) zu verbessern und aufrecht zu erhalten.

Der Kopfhörer-Fehler

Wer sich mit seinem Hund auch im Aussenbereich verbinden möchte, sollte dies mit ehrlicher Hingabe tun. Also: Kopfhörer raus! Handy in die Tasche! und gemeinsam etwas unternehmen! Eintönige Spaziergänge auf den ewig gleichen Wegen, ohne Interaktion sind für Hunde langweilig. So erhöht sich die Gefahr, dass der Hund in seine eigene Welt abdriftet und das Mensch-Hund-Gespann nur nebeneinander her trottet, als miteinander unterwegs zu sein. Wie Sie die Interaktion mit Ihrem Hund gestalten, hängt von Ihrem und dem Typ Ihres Hundes ab. Grundsätzlich sollte man tun, was Spass macht! Schnüffelaufgaben, Tricks, Sucharbeiten, Interaktions- oder Bewegungsspiele sowie Führungslektionen und Nachahmungsaufgaben sind nur einige mögliche Beispiele aus dem Aktionskatalog Mensch-Hund. Bauen Sie jeweils kurze, abwechslungsreiche Einheiten in ihre Spaziergänge ein und lassen Sie den Hund anschliessend wieder mit Ihnen weiter ziehen.

Kurz und knapp heisst die Devise

Einige Hunderassen kommen mit ewigen Übungs-Wiederholungen nicht gut zurecht. Und so kann es sein, dass sich bei Lagottos oder nordischen Hunden (nur 2 Beispiele von vielen) bereits nach 3 Wiederholungen derselben Übung ein deutlicher Leistungsabfall bemerkbar macht. Das muss berücksichtigt werden! Beim gezielten trainieren des Rückrufs also lieber weniger Wiederholungen am Stück verlangen. Dafür kann man dieselbe „Lektion“ etwas variiert und situativ angepasst, immer wieder mal (an anderen Standorten auf dem Spaziergang) einbauen.

Und schliesslich sollten Sie ihr Handling überdenken: Viele Hunde machen auf dem „letzten Meter“ einen Fehler (drehen auf Armlänge ab) oder schnappen sich das Gudi und sind schneller wieder weg als sie gekommen sind…. In diesen Fällen stimmt vermutlich an ihrem Handling etwas nicht: Fassen Sie Ihren Hund an unbeliebten Körperstellen an? „Greifen“ Sie sich den Hund beim vorbei rennen? Sind Sie eventuell nicht klar in der Kommunikation (signalisieren Sie Ihrem Hund, dass er nach dem Erhalt der Belohnung wieder weg darf) oder sind sie gar zu hektisch? All diese Faktoren beeinflussen, wie und ob der Hund in Ihren Nahbereich tritt und hier verweilt… Lassen Sie sich in diesem Fall von einem guten Hundetrainer beobachten und das Problem analysieren.

 

 

 

Der Schlüssel zum erfolgreichen Miteinander

Es ist derzeit „modern“ mit „7-Regel-Anleitungen“ oder „12-Punkte-Plänen“ die Ausbildung seines Hundes zu gestalten. Denn überschaubare Regeln komprimieren die Komplexität des Zusammenlebens auf 7, 12 oder sogar 3 Punkte.

In der Wirklichkeit ist es schliesslich aber doch etwas komplizierter … denn ein Miteinander hat viele Facetten. Der Entwicklungsstand des Hundes spielt eine Rolle, die Umwelt und das eigene Befinden werden zum Selbstläufer – und schon gerät das angestrebte Miteinander aus dem Ruder.

Vor Kurzem berichtete mir eine Kundin, dass ihr vom Züchter gesagt worden sei, dass ihr nun gerade mal 10 monatiger „Belgier“ bereits als Welpe dominant gewesen sei und dass sie es mit diesem Hund vergessen könne, sich anderen Hundehaltern anzuschliessen. Aus meiner Sicht handelt es sich bei diesem zarten Exemplar von Hund, um eine feine Seele, die wohlwollender und sicherer Unterstützung bedarf. Und tatsächlich: Obwohl sich der Hund im Umgang mit anderen Vierbeinern scheinbar rüpelig und total aufdringlich zeige sowie kneiffe, konnte der „Belgier“ bereits nach wenigen Minuten mit meinem Kurzhaar-Collie-Rüden angemessen interagieren. Was war geschehen?

Mein Gian war ruhig, klar, setzte angemessen Grenzen und bot neue Chancen. Und nach einigen Minuten reichte ein Blick aus, um den pupertierenden Jungspund auf Abstand zu halten; und ein anderer Blick, um ihn zu einem Rennspiel einzuladen.

Erziehung und Ausbildung

Im Miteinander mit dem Hund macht es Sinn zwischen Erziehung und Ausbildung zu unterscheiden. So geht es bei der Erziehung, um die Vermittlung von sozialen Regeln im Zusammenleben mit Mensch und Tier. Bei der Ausbildung hingegen werden bestimmte Handlungsabläufe für bestimmte Tätigkeitsfelder vermittelt. So muss ein Agilityhund beispielsweise nicht dieselben Dinge „lernen“, wie ein Fährten- oder ein Trickhund.

Dass ein Hund in unserer Gesellschaft aber nicht zu allen Menschen hinläuft, um diese Abzuschnuppern, dass er lernt sich in Geduld zu üben, dass man Artgenossen nicht anrempelt, Katzen freien Rückzug ermöglicht und der Ball in der Hand des Menschen nicht „geklaut“ werden darf, ist aber was anderes.

Ein ausbaubarer, gemeinsamer Nenner

„Punkte-Pläne“ für eine zielgerichtete Ausbildung und Erziehungstipps haben aber einen gemeinsamen Nenner: Eine klare und wohlwollende Konsequenz!

Und damit wird das gemeinsame Leben mit dem Hund wirklich überschaubar. Und Überschaubarkeit kann vor allem Neuhundehaltern helfen, sich im Dschungel von Tipps und Anleitungen zurecht zu finden. Denn viele Hundehalter wissen gar nicht mehr, wo sie bei der Erziehung und Ausbildung ihres Vierbeiners ansetzen müssen.

„Gian“ hat es im Zusammentreffen mit dem jungen „Belgier“ deutlich gezeigt: Wohlwollende Konsequenz ist der Schlüssel zum erfolgreichen Miteinander.

Der „Plan im Kopf“

Wer seinen Hund erziehen und ausbilden möchte, sollte sich im Klaren sein, was er möchte. Man sollte immer einen „Plan im Kopf“ haben, bevor man mit dem Hund interagiert. Das gilt für Gesagtes genau so, wie für Handlungen. Wer keinen Schimmer hat, was er eigentlich möchte, der kann auch nicht klar Kommunizieren. Zudem gelten Regeln heute, nächste Woche und auch übernächste Woche! Und wer hier meint, dass Konsequenz beim Hund beginnt und beim Hund endet, hat die wichtigste Regel noch nicht verstanden! Konsequenz beginnt beim Halter! Schliesslich ist er es, der den besagten „Plan im Kopf“ hat!

Aber: Wer nicht erkennt, wo die Leistungsgrenzen seines Hundes anfangen und enden, der wird es nicht weit bringen… Den der „Plan im Kopf“ sollte mit dem Leistungsverhältnis des Hundes korrelieren!

Hilfreich kann es sein, wenn man „smart“ vorgeht:
Spezifisch, Messbar, Adäquat, Realistisch und Terminiert.

Wenn man sich also bewusst ist, was man möchte, sollten Leistungsveränderungen erkannt und kontextbezogen einstufbar sein. Zudem sollten realistische Zwischen- und Endziele definiert werden – wofür man sich einen Zeitplan zurechtlegt.

Beispielsweise: Innerhalb einer Woche möchte ich, dass mein Hund 1 Minute eine Sitz-Stellung halten kann, während ich mich 10 Meter von ihm entferne. Im Anschluss gehe ich zum Hund zurück, wobei dieser die Sitz-Position hält, bis ich ihn „Frei-Gebe“. Dieses Ziel möchte ich auf dem Spaziergang (auf freiem Feld) ohne besondere Ablenkungen (vorbeigehende Personen o.a.) erreichen.

Dieses Ausbildungsziel kann mit wohlwollender Konsequenz durchaus erreicht werden. Also: Ruhig agieren, klar kommunizieren, fehlerhaftes Verhalten (Aufstehen) angemessen korrigieren (auf den zugewiesenen Platz zurückführen) und neue Chancen für Leistungsverbesserungen bieten.

In diesem Sinne wünsche ich Euch ein wohlwollendes, konsequentes und smartes Planen Eurer Hundeerziehung und Ausbildung.

Bildlegende:
Auch Gian musste lernen, dass man auf einen „Murmeli-Pfiff“ nicht ins Gelände hechtet! Eine wohlwollende, vorausschaubare Haltung, ein sauber aufgebautes Abbruchsignal und den Blick für tolle Verhaltensansätze haben das klar definierte Ziel - Bei einem „Murmeli-Pfiff“ stehen zu  bleiben und Kontakt mit mir Aufzunehmen - erreichbar gemacht.