Vom Leinen-Ochsen zum Teamplayer

Hunde sind in der Lage erstaunliche Leistungen zu erbringen – dies nicht nur körperlich, sondern auch geistig. Den Lernschluss, dass ein lockeres Gehen an der Leine  viel angenehmer wäre als sich ständig ins Halsband zu stemmen, können sie aber nicht tätigen.

Die Thematik beginnt meist in der „Kinderstube“ und entwickelt sich bis ins Junghundealter zu einem echten Problem. Beim Welpen sind die Halter noch so geblendet von der kuschelig-süssen Optik, dass man viel zu viele 5er gerade stehen lässt. Wenn der süsse Fratz dann aber langsam die 20-Kilo-Marke erreicht und mit Dynamik und Durchhaltewillen an der Leine reisst, erwachen die Halter in einem echten Albtraum.

Die „neue“ Konsequenz

Um einem Leinen-Ochsen das Zerren und Reissen abzugewöhnen sollte man sich bewusst sein, dass man das Training nochmals bei Stand 0 beginnen sollte! Zudem muss man sich „neue“ Konsequenz aneignen und vor allem trainieren! Und dies jeden Tag und zwar mehrfach!

Leinenlauftechniken gibt es viele. Ich zeige meinen Kunden innerhalb des Junghundekurses  10 Techniken, welche sie auf einem geführten Spaziergang ausprobieren können. Bereits bei den ersten Versuchen zeigt sich, welche Techniken für welches Team passend sein könnten. Und schliesslich kann jeder Kunde mit zirka 4-5 Anleitungen in den Alltag starten. Sie fragen sich jetzt sicher: „Aber sollte man nicht eine Methode anwenden und sich dieser ganz isoliert widmen?“ – „Nein“, ist meine Antwort. Denn wer mich und meine Arbeit kennt, der weiss, dass ich gerne mit dem Baukasten-Prinzip arbeite: Hier zieht man für jede Situation die  passende Schublade (Technik). Wenn ein Hundehalter beispielsweise mitten im Dorf die Gehen-Wenden-Methode anwendet wirkt das für  Aussenstehenden etwas Absurd.   …dessen ist sich der Hundehalter bewusst, wodurch sich die Wahrscheinlichkeit, dass er konsequent bleibt verringert.

Viele Wege führen zum Ziel

Die Wahl der Methode richtet sich  nach der jeweiligen Situation und  der Zug-Intensität des Hundes. So kann man von der leichten Zug-Entlastung bis hin zum „Hindere“ variieren. Das Ziel ist bei allen Interaktionen, dass die Leine durchhängt.
Im Folgenden möchte ich Ihnen vier mögliche Leinenlauftechniken vorstellen.

1. Gehen-Stehen-Aufschliessen
Diese Methode gefällt mir sehr gut, weil hier nicht am Hund herum gezerrt wird. Die Methode ist eine Weiterentwicklung der Stop-and-Go-Methode, welche ich für problematisch halte. Beim Gehen-Stehen-Aufschliessen ist es der Mensch, der den Zug aktiv entlastet. Man bleibt konsequent stehen, wenn der Hund zieht. Dann hangelt man sich bis zum Hund vor und entlastet den Leinenzug. Weiter geht es erst, wenn der Hund es schafft 3 Sekunden an lockerer Leine stehen zu bleiben.

2. Kleine Kreise laufen
Bei der Kreisel-Methode wird der Hund aktiv von der Zugrichtung abgewendet. Der Halter läuft dabei mit dem Hund einen kleinen Kreis, wobei sich der Hund im Innenradius bewegt. Bei dieser Methode muss man  darauf achten, dem Hund nicht auf die Pfoten zu treten. Ein sanftes (!) berühren mit dem Bein ist erlaubt – mit der Zeit aber nicht mehr nötig. Die sanfte Berührung kann als taktile Hilfestellung betrachtet werden. Damit wird der Hund aus seinem Zerrmodus heraus geholt.
ACHTUNG! Liebe Frauen: Bitte jeweils nur einen Kreis am Stück laufen – sonst besteht die Gefahr, dass Euch schwarz vor Augen wird (Kreislauf!). Alternativ können auch enge Schlangenlinien gelaufen werden …

3. Orientierungs-Spiel
Diese Übung kann an der Schleppleine oder im Freilauf ausgeführt werden. Das Orientierungsspiel dient dazu, dem Hund verständlich zu machen, dass ein synchronisierter Richtungswechsel und ein gemeinsames Weitergehen gewünscht wird. Das Ziel ist es, dass sich der Hund ohne Locken, Rufen oder andere verbale Hilfestellungen freiwillig an die Seite des Menschen begibt. Diese Methode gehört  in meine Ausbildungsphilosophie weil man den Hund so lenken kann, dass er von sich aus die richtigen Entscheidungen trifft –  und diese, korrekten Verhaltensweisen kann man verstärken! Beim Orientierungsspiel darf der Hund die gesamte Leinelänge ausschöpfen. Der Halter bewegt sich zielstrebig vorwärts und wechselt dabei deutlich die Laufrichtungen. Der Hund wird aus dem Augenwinkel heraus beobachtet. Wenn sich der Vierbeiner den Richtungsänderungen anpasst wird kurz verbal gelobt. Bereits nach einigen Wendungen pendelt sich der Hund links oder rechts beim Hundehalter ein und geht freiwillig an dessen Seite mit – nun darf sanft aber länger anhaltend gelobt werden! Wer mit der Nachfolge-Leistung seines Hundes sehr zufrieden ist darf nun (punktuell!) ein Gudi springen lassen!
Bedenken Sie: Bei dieser Übung ist es nicht das Ziel, dass der Hund wie in einer Begleithundeprüfung neben seinem Menschen her läuft. Der Hund muss den Menschen nicht einmal anschauen. Es geht nur um das synchronisierte Mitgehen.

4. Rückwärts-Richten
Bei dieser – sicherlich bekannten – Methode bewegt sich der Halter rückwärts und lässt den Hund auf sich zu gehen. Im Anschluss bewegt sich der Mensch wieder in die Ursprungsrichtung vorwärts. Das Rückwärts-Richten soll als Negativ-Folge für den Zug des Hundes ausgeführt werden. Bei dieser Methode, die im Alltag oft ohne Erfolg angewendet wird, muss folgendes Beachtung finden: Man darf das Rückwärts-Richten erst auflösen, wenn der Hund einem locker folgt! Oftmals wird der Hund nur ein bis zwei Schritte rückwärts gerichtet, bevor es weiter geht. Bei diesen Hunden wird das Prozedere  (nach vielen Wiederholungen)  ohne Denkleistung ausgeführt, wodurch eine Verhaltensveränderung unmöglich ist. Zudem sollte vor der Korrektur ein Abbruchsignal erfolgen, damit der Hund die Konsequenz „verhindern“ kann.

Laufziele, Pausen und Hintertürchen definieren

Wer sich mit Konsequenz an die Aufgabe „Lockeres Leinenlaufen“ heranwagt sollte sich Gedanken zum Leistungsvermögen von Hund und Mensch machen. Wer trainiert benötigt Zwischenziele, Pausen und eine Hintertür. Es ist utopisch von einem Kunden zu verlangen plötzlich zu 100-Prozent konsequent zu sein! Hilfreich ist es daher mit Laufzielen zu arbeiten. Also: „Ab hier bis zur nächsten Wegkreuzung (100 Meter Distanz) widme ich mich mit voller Konsequenz dem lockeren Leinenlaufen. Danach darf der Hund frei laufen (Pause).“ Die Pausen werden also systematisch in das Training integriert. Pausen schaffen Energie für eine weitere Trainingseinheit!

Wer dringend von A nach B muss, sollte sich einen Plan C bereit halten. Denn wer keinen Plan C hat, läuft Gefahr in die Inkonsequenz-Falle zu tappen und das Training zu verwässern. Ein hilfreiches Hintertürchen für den Alltag kann beispielsweise die Benützung eines Halsbands und eines Brustgeschirrs sein. Mit der Leine am Brustgeschirr ist man grosszügiger was das Ziehen anbelangt. Wenn die Leine aber am Halsband befestigt ist, sollte man volle Konsequenz walten lassen.

Strafe und bedenkliche Hilfsmittel

Es gibt Methoden, die das ständige Leinenziehen über Strafmassnahmen eindämmen. Dazu zähle ich Stachelhalsbänder, Endloswürger (beides in der Schweiz verboten!), fragliche Anti-Zug-Geschirre (drücken dem Hund auf die Blutgefässe und Nerven!), Schlauchwurfmethoden, Wasser spritzen, Schlagen und Treten… Einige dieser fraglichen Hilfsmittel und Methoden erreichen ihr Ziel – doch die Ethik wird Aussen vor gelassen. Wer seinen Hund tatsächlich über Angst und Schmerz „erziehen“ will, der sollte die Art seiner postulierten „Hundeliebe“ wirklich überdenken!

 

 

Instantlösungen: Eine Illusion!

Hunde passen sich unseren Lebensverhältnissen und unserem Rhythmus erstaunlich gut an. Sie internalisieren unser Lebenstempo und kommen ins parallele Schwingen. …so zumindest sollte es sein – wenn man seine Erziehungsaufgaben richtig erfüllt hat und den Bedürfnissen des Lebenspartner Hund nachkommt.

In der Praxis begegnen mir täglich Hundeteams  bei denen das  Schwingen  noch in der Chaosphase steckt. Die Angleichung befindet sich im besten Falle in der Aufbauphase. In anderen Fällen sind die Kurven am auseinander driften. In letzterem Beispiel wird dann oft nach Instantlösungen verlangt. Es werden Methoden und Vorgehensweisen gewünscht, die ein problematisches Verhalten innert Tagesfrist nachhaltig verändern. Dass wir hier über den Hund sprechen ist klar! Dass Veränderungen aber vor allem auf Seiten des Halters geschehen müssen, ist das schwierige an der ganzen Sache.

„Mein Hund knurrt mich an!“

Ein häufiges Problem ist die Situation rund um den Futternapf. Wenn es hier zu Aggressionen gegen den Halter kommt, ist klar, dass schnelle Abhilfe geschaffen werden muss. Dem Hund das Knurren abzugewöhnen ist mit viel Druck und Präsenz sicher schnell machbar – was hier aber in erster Linie gemacht wird, ist reine Symptombekämpfung.
Ja. Das Knurren hört auf! Die Wahrscheinlichkeit, dass man nun aber einen Hund bekommt, der zwar nicht mehr knurrt, sondern direkt zubeisst ist immens gross – und dieses Gratispäckchen will sicherlich niemand!

Die Sache mit den Gefühlen

In meiner langjährigen Tätigkeit als Verhaltenstherapeutin ist mir eines deutlich geworden: Wer die emotionale Komponente hinter einem Verhalten ignoriert, wird keine nachhaltige Veränderung erreichen können!

Dieser Satz ist essenziell! Und dieser Satz macht die ganze Sache kompliziert! Denn dieser Satz bedingt, dass man selbstreflexiv agiert – und dies wiederum bedingt den klaren Willen zur Veränderung.

Negativspirale im Aufwind

Im Beispiel mit dem Napf kann die emotionale Komponente auf Seiten des Hundes Unsicherheit oder Angst sein. Negative Emotionen, denen nun mit negativen Interventionen (Positiver Strafe) begegnet wird, lösen noch mehr negative Emotionen auf Seite des Hundes aus – Die Negativspirale bekommt einen Kick!
Meiner Meinung nach geht es bei diesem Beispiel aber nicht primär um den Napf. Es geht vielmehr um das Vertrauensverhältnis zwischen Hund und Mensch. Denn in diesen Fällen finden sich im Alltag und im Handling zwischen den Kontrahenten weitere Problemfelder!

Eine Instantlösung ist also schlichtweg nicht machbar…!

Stadien der Veränderung

Die meisten von uns kennen die Unzufriedenheit mit dem eigenen Gewicht und den Handlungsvorsatz zu mehr Bewegung und zu gesünderer Ernährung. Vielfach bleibt es beim Vorsatz zur Veränderung – das Erreichen des Ziels bleibt oft unerreicht.

Das Transtheoretische Modell (Prochaska/DiClemente 1982) entlarvt den theoretischen Stolperstein hinter diesem Beispiel. Es zeigt auf, dass eine dauerhafte Verhaltensänderung mit Anstrengung und Konsequenz verbunden ist. Bevor dies aber möglich ist, muss die Selbsreflexion und die Handlungsbereitschaft hervortreten.

Das 6-Stufen Model erklärt, was passiert:
1. Die Absichtslosigkeit (precontemplation)
beinhaltet keine Reflexion über eine mögliche Verhaltensänderung; Sie ist durch Passivität und Verneinung gezeichnet. 2. In der Stufe der Absichtsbildung (Kontemplation) wird die eigene Situation überdacht. Sie ist aber von  Ambivalenz gekennzeichnet. 3. In der Vorbereitungsphase (preparation, Determination) beginnt erst die ernsthafte Reflexion. Der Entschluss zur Änderung wird gefasst. 4. Nun erreicht man die Handlungsphase (action). Es werden konkrete Schritte zur Veränderung unternommen. 5. In der Aufrechterhaltungsphase (maintenance) muss man Rückschläge überwinden, den Prozesses der Verhaltensänderung fortsetzen und damit Veränderung festigen. 6. Der Rückfall / Ausrutscher (relapse) schliesst den Kreis ab … Eigene Regeln wurden verletzt. Der Rückfall wird als normales Ereignis bzw. als Stadium der Veränderung bewertet. Nun braucht es ein neues Eintauchen in den Kreislauf der Veränderung.

Ab der 3. Stufe kann ein Verhaltenstherapeut Unterstützung bieten. Seine Aufgabe ist, es ein klares Bild der Hintergründe zu zeichnen und den Anstoss zur Veränderung zu geben.

Es liegt beim Hundehalter

Wie es weiter geht liegt beim Hundehalter. Hier benötigt es ein dauerhaftes Umdenken. Denn nur so ist Veränderung langfristig möglich. Im Falle des Futternapfs bedingt dies vermutlich die Etablierung eines wohlwollenden und unterstützenden Umgangs im Alltag. In einem meiner „Hundenapf-Fälle“ hat eine Veränderung des Handlings das Problem zu 90-Prozent positiv verändert. Dem Halter war nicht bewusst wie gewaltgeprägt sein alltäglicher Umgang mit dem Hund tatsächlich war – das ganze passierte ungewollt! Der Hund wurde ständig bedrängt, überfordert und in seinen Anliegen nicht beachtet. Die Selbstreflexion war mit Videoanalysen möglich – die Reaktion auf Seiten des Halters erstmals von Trauer und Selbstvorwürfen geprägt. Schliesslich aber hat es dieses Team geschafft sich dauerhaft zu verändern und den Prozess des „Gleichschwingens“ begonnen… Mit viel Zeit, Schweiss, Tränen und schliesslich mit tiefer Dankbarkeit.