Die Krux mit der Belohnung

Es gibt, neben dem Kastrationsthema, wohl kein anderes, das die Hundehalter-Gemeinschaft zu mehr Diskussionen anregt, wie das Thema Belohnen. Doch welcher Weg ist der richtige?

Der grosse Streit und das 180-Grad-Driften

Brandaktuell ist beispielsweise der Streit, ob man Hunde in der Ausbildung überhaupt belohnen, sprich „bestechen“ darf oder aber ob man jeden einzelnen kleinen Schritt mittels Click und Futter bestätigt. Die Vertreter der „Erziehung ohne Futterbelohnung“ behaupten, dass ein echter „Rudelchef“ niemals etwas an einen untergebenen Sozialpartner abgibt und dass jeglicher Futtereinsatz reine Bestechung wäre. Die Futter-Fraktion hingegen setzt gänzlich auf positive Verstärker und belohnt in der Ausbildung jeden Mini-Erfolg mit einem Leckerli, um die Motivation des Hundes hoch zu halten. Um die Verwirrung beim Kunden auf den Höchststand zu treiben, gibt es zudem sogar innerhalb der verschiedenen Lager heftige Diskussionen um die Art der Belohnung oder die Art der Ausbildung per se. Und schliesslich bekommt der Kunde – je nach Trainer – völlig unterschiedliche Theorien vorgesetzt, die teilweise 180-Grad auseinander driften.

Da gibt es beispielsweise die „Nur aus dem Futter-Beutel-Belohnungs-Regel“, die „Ja keine Würstli-Abgabe-Regel“, die „Belohne nur mit Spielzeug-Regel“, die „es wird nur Gelobt oder Gestreichelt-Regel“ die „Belohne-Nie“-Regel oder sogar die „Lobe-Nie-Regel“. Die Einen argumentieren bei Futterbelohnungen damit, dass der Hund sich sein Fressen ausschliesslich erarbeiten muss und dass man den Hund nie aus dem Napf füttern sollte. Wieder andere meinen, mit der Gabe von Futterbelohnungen zerstöre man das „wilde, ursprüngliche Wesen“ des Haustiers Hund. Die Gemeinsamkeit hinter diesen Regeln ist ein Schwarz-Weiss-Denken. Es wird eine Lösung propagiert, während dessen alle anderen „für die Tonne“ seien.

Woher gewisse Ansichten stammen, ist mir ehrlich gesagt schleierhaft, und dennoch; viele folgen diesen teilweise absurden Regeln.

Doch, um was geht es bei dieser erschreckend grossen Diskrepanz in der Argumentationslinie der Hundetrainer? Diese Frage wird umso bedeutender, wenn man die Tatsache betrachtet, dass alle „Profis“ behaupten, sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse zu beziehen! Wenn man diese Aussage genauer betrachtet, sollten die propagierten Methoden dann aber nicht um ein Vielfaches homogener ausfallen, als sie es derzeit sind?

Für mich liegt die Erklärung darin, dass die Daten aus der Grundlagenforschung breitgefächerten Interpretationen unterliegen.

Interpretationen führen zu unterschiedlichen Philosophien

Wissenschaftliche Studien liefern empirische Daten, die durch methodisch-systematische Versuchsanordnungen gewonnen werden. Diese Daten werden interpretiert und daraus entstehen Hypothesen und Theorien, welche sogar im wissenschaftlichen Umfeld divergent ausfallen. Die Interpretation der Erkenntnisse ist also der Schlüssel zu dieser oder eben jener „Philosophie“.
Et voilà….: Und schon haben wir unterschiedliche Theorien zu ein und demselben Problem.

Die Krux bleibt also weiterhin bestehen: Nach welcher Philosophie, sprich nach welcher Theorie gehe ich in der Belohnungsfrage artgerecht vor?

Die Frage lautet erstmals: Ist belohnen sinnvoll und natürlich?

Vielleicht liefern die in der Verhaltensbiologie gesammelten Erkenntnisse die Antwort:
So wurde herausgefunden, dass Wölfe und Hunde ihre soziale Anerkennung über Schnauzen lecken, Fell belecken, Spielaufforderungen, Zusammen Ruhen u.a. ausdrücken. Somit wäre es sicher nicht falsch zu schlussfolgern, dass auch wir unsere Anerkennung mit Streicheln und Zuneigung ausdrücken. Eine andere Erkenntnis betrifft den Zugang zu Ressourcen. Hier wurde ermittelt, dass höher gestellte Tiere in sozialen Gemeinschaften wie in einem Wolfsrudel oder einer permanenten Hundegruppe auch weniger hoch gestellten Tieren Zugang zu Ressourcen wie Futter oder begehrten Liegeplätzen ermöglichen. Somit ist die Gabe von Futter oder der Zugang zu einem begehrten Liegeplatz durch den Menschen an den Hund grundsätzlich nicht als problematisch zu bezeichnen. Anders gesagt, können diese Möglichkeiten auch als Belohnungen eingesetzt werden – eine Belohnung des Menschen für den Sozialpartner Hund.

Das schlichte Fazit: Belohnen ist also grundsätzlich möglich und natürlich!

Das Sowohl-als-auch-Prinzip

Und damit können wir uns der zweiten Frage widmen: Wie sollen wir belohnen?

Ist es sinnvoll der Doktrin zu folgen, reine Futterbelohnungen, nur Spielzeug oder nur Lob als Belohnung einzusetzen?

Für die Beantwortung dieser Frage sollten wir uns vor Augen führen, dass wir Individuen sind – und Hunde sind es auch. Damit reicht ein Schwarz-Weiss-Raster mit einem simplen „Entweder-Futter oder Spielzeug-Belohnungs-Prinzip“ sicherlich nicht aus, um das Individuum und dessen Bedürfnisse zu erfassen. Zudem ist ein Bedürfnis immer vom Kontext, also von der situativen Gegebenheit abhängig. Nur mit Futter, nur mit Spielzeug oder nur mit Lob zu belohnen wird daher nie in allen Situationen Anklang finden. Und eine Belohnung ist ja nur eine Belohnung, wenn sie als gewinnbringend empfunden wird. Damit wäre es ratsam sich eines „Sowohl-als-auch-Prinzips“ zu bedienen. Ein System welches grundsätzlich alle Belohnungsvarianten beinhaltet – und dem Individuum und der Situation entsprechend eingesetzt werden kann.

Ein fressbegeisterter Hund darf also in passenden Situationen mit Futter bestätigt werden. Ein spielbegeisterter Hund darf spielen, wenn er dies in der jeweiligen Situation als belohnend empfindet. Ein Schmusehund darf für einen gelungenen Rückruf ausgiebig gestreichelt werden. Ein ausgesprochener Nasenhund darf als Belohnung eine Spur verfolgen, ein an sozialkontakten interessierter und freundlicher Hund darf mit einem Freilauf belohnt werden…usw.

Vorsicht Falle – Mitdenken erlaubt!

Zwei Punkte sollten beim Belohnen allerdings beachtet werden:
– Wenn sich der Hund bei einer Belohnungsart zu stark enerviert ist die Belohnungsvariante evtl. nicht gut gewählt oder die Handhabung der Ressource durch den Halter ist ungünstig.
– Wenn die Belohnung falsch verwendet wird, wird unter Umständen unerwünschtes Verhalten verstärkt und man erreicht das Gegenteil von dem was man möchte.

Belohnungen einzusetzen bedeutet somit situativ und individuell zu arbeiten. Das wiederum ist nicht immer ganz einfach und erfordert einiges an Fachwissen. Aber den Fehler zu machen, gänzlich auf Belohnungen – und wie ganz krasse Meinungsvertreter, sogar auf Lob – zu verzichten, lässt doch am Sachverstand der jeweiligen „Fachpersonen“ zweifeln.

Meine Wahrheit liegt in der süssen Mitte

Abschliessend darf gesagt werden, dass die „Wahrheit“ bei der Abgabe von Futter oder anderen Belohnungen vermutlich in der Mitte von allen propagierten Lösungen liegt: Ein „zu viel“ ist genauso unsinnig, wie ein „zu wenig“. Im richtigen Mass eingesetzt, passend platziert und variantenreich angeboten ist aus meiner Sicht der Schlüssel zum Erfolg.