Der Schlüssel zum erfolgreichen Miteinander

Es ist derzeit „modern“ mit „7-Regel-Anleitungen“ oder „12-Punkte-Plänen“ die Ausbildung seines Hundes zu gestalten. Denn überschaubare Regeln komprimieren die Komplexität des Zusammenlebens auf 7, 12 oder sogar 3 Punkte.

In der Wirklichkeit ist es schliesslich aber doch etwas komplizierter … denn ein Miteinander hat viele Facetten. Der Entwicklungsstand des Hundes spielt eine Rolle, die Umwelt und das eigene Befinden werden zum Selbstläufer – und schon gerät das angestrebte Miteinander aus dem Ruder.

Vor Kurzem berichtete mir eine Kundin, dass ihr vom Züchter gesagt worden sei, dass ihr nun gerade mal 10 monatiger „Belgier“ bereits als Welpe dominant gewesen sei und dass sie es mit diesem Hund vergessen könne, sich anderen Hundehaltern anzuschliessen. Aus meiner Sicht handelt es sich bei diesem zarten Exemplar von Hund, um eine feine Seele, die wohlwollender und sicherer Unterstützung bedarf. Und tatsächlich: Obwohl sich der Hund im Umgang mit anderen Vierbeinern scheinbar rüpelig und total aufdringlich zeige sowie kneiffe, konnte der „Belgier“ bereits nach wenigen Minuten mit meinem Kurzhaar-Collie-Rüden angemessen interagieren. Was war geschehen?

Mein Gian war ruhig, klar, setzte angemessen Grenzen und bot neue Chancen. Und nach einigen Minuten reichte ein Blick aus, um den pupertierenden Jungspund auf Abstand zu halten; und ein anderer Blick, um ihn zu einem Rennspiel einzuladen.

Erziehung und Ausbildung

Im Miteinander mit dem Hund macht es Sinn zwischen Erziehung und Ausbildung zu unterscheiden. So geht es bei der Erziehung, um die Vermittlung von sozialen Regeln im Zusammenleben mit Mensch und Tier. Bei der Ausbildung hingegen werden bestimmte Handlungsabläufe für bestimmte Tätigkeitsfelder vermittelt. So muss ein Agilityhund beispielsweise nicht dieselben Dinge „lernen“, wie ein Fährten- oder ein Trickhund.

Dass ein Hund in unserer Gesellschaft aber nicht zu allen Menschen hinläuft, um diese Abzuschnuppern, dass er lernt sich in Geduld zu üben, dass man Artgenossen nicht anrempelt, Katzen freien Rückzug ermöglicht und der Ball in der Hand des Menschen nicht „geklaut“ werden darf, ist aber was anderes.

Ein ausbaubarer, gemeinsamer Nenner

„Punkte-Pläne“ für eine zielgerichtete Ausbildung und Erziehungstipps haben aber einen gemeinsamen Nenner: Eine klare und wohlwollende Konsequenz!

Und damit wird das gemeinsame Leben mit dem Hund wirklich überschaubar. Und Überschaubarkeit kann vor allem Neuhundehaltern helfen, sich im Dschungel von Tipps und Anleitungen zurecht zu finden. Denn viele Hundehalter wissen gar nicht mehr, wo sie bei der Erziehung und Ausbildung ihres Vierbeiners ansetzen müssen.

„Gian“ hat es im Zusammentreffen mit dem jungen „Belgier“ deutlich gezeigt: Wohlwollende Konsequenz ist der Schlüssel zum erfolgreichen Miteinander.

Der „Plan im Kopf“

Wer seinen Hund erziehen und ausbilden möchte, sollte sich im Klaren sein, was er möchte. Man sollte immer einen „Plan im Kopf“ haben, bevor man mit dem Hund interagiert. Das gilt für Gesagtes genau so, wie für Handlungen. Wer keinen Schimmer hat, was er eigentlich möchte, der kann auch nicht klar Kommunizieren. Zudem gelten Regeln heute, nächste Woche und auch übernächste Woche! Und wer hier meint, dass Konsequenz beim Hund beginnt und beim Hund endet, hat die wichtigste Regel noch nicht verstanden! Konsequenz beginnt beim Halter! Schliesslich ist er es, der den besagten „Plan im Kopf“ hat!

Aber: Wer nicht erkennt, wo die Leistungsgrenzen seines Hundes anfangen und enden, der wird es nicht weit bringen… Den der „Plan im Kopf“ sollte mit dem Leistungsverhältnis des Hundes korrelieren!

Hilfreich kann es sein, wenn man „smart“ vorgeht:
Spezifisch, Messbar, Adäquat, Realistisch und Terminiert.

Wenn man sich also bewusst ist, was man möchte, sollten Leistungsveränderungen erkannt und kontextbezogen einstufbar sein. Zudem sollten realistische Zwischen- und Endziele definiert werden – wofür man sich einen Zeitplan zurechtlegt.

Beispielsweise: Innerhalb einer Woche möchte ich, dass mein Hund 1 Minute eine Sitz-Stellung halten kann, während ich mich 10 Meter von ihm entferne. Im Anschluss gehe ich zum Hund zurück, wobei dieser die Sitz-Position hält, bis ich ihn „Frei-Gebe“. Dieses Ziel möchte ich auf dem Spaziergang (auf freiem Feld) ohne besondere Ablenkungen (vorbeigehende Personen o.a.) erreichen.

Dieses Ausbildungsziel kann mit wohlwollender Konsequenz durchaus erreicht werden. Also: Ruhig agieren, klar kommunizieren, fehlerhaftes Verhalten (Aufstehen) angemessen korrigieren (auf den zugewiesenen Platz zurückführen) und neue Chancen für Leistungsverbesserungen bieten.

In diesem Sinne wünsche ich Euch ein wohlwollendes, konsequentes und smartes Planen Eurer Hundeerziehung und Ausbildung.

Bildlegende:
Auch Gian musste lernen, dass man auf einen „Murmeli-Pfiff“ nicht ins Gelände hechtet! Eine wohlwollende, vorausschaubare Haltung, ein sauber aufgebautes Abbruchsignal und den Blick für tolle Verhaltensansätze haben das klar definierte Ziel - Bei einem „Murmeli-Pfiff“ stehen zu  bleiben und Kontakt mit mir Aufzunehmen - erreichbar gemacht.