Die regeln das unter sich

Früher viel gehört und heute leider immer mal wieder geäussert, ist dieser völlig unsinnige und gefährliche Satz: „Die regeln das unter sich!“.

Wenn sich Hunde  im Direktkontakt nicht vertragen, dann sollte man beiden die Auseinandersetzung ersparen. Die Wahl passender Freilaufpartner für den eigenen Vierbeiner zu finden, liegt in der Kompetenz des Hundeführers. Leider fehlt vielen aber das nötige Wissen oder das Interesse, Hundeverhalten korrekt zu interpretieren oder  die Durchsetzungskraft, auf Anfragen zum Freilauf ein „Nein“ zu äussern.

In gut geführten Freilaufgruppen lernen interessierte Teilnehmer die Körpersprache des eigenen und fremder Hunde besser zu entschlüsseln. Verschwenden Sie die „freien Minuten“ in der Gruppe also nicht für Smalltalk. Bleiben Sie konzentriert und fragen Sie beim Hundetrainer nach, wenn Sie etwas beobachten, dass Sie nicht zuordnen können. Sie werden „Fiddle about“, Block-Situationen, Spiel-Aufforderungen, kleine Frechheiten, feine Zurechtweisungen, echtes Spiel, spielerisch getarntes Kräftemessen, Hilfe suchen, evtl Ressourcen-Verhalten,  scheinbares Desinteresse, Imponierverhalten, Beruhigendes Verhalten und anderes zu sehen bekommen… Und alles was Sie sehen wird Ihnen bei der Beurteilung von „Feld-Situationen“ helfen: Fühlt sich mein Hund gerade wohl, benimmt er sich anständig oder provoziert er, ist es ein freies Spiel oder ein stressabbauendes Herumalbern, wird es kritisch und wäre es jetzt ratsam, die Hunde zu trennen … ?

Der Besuch von Hundeschulen mit Freilaufmöglichkeiten bietet zudem die Möglichkeit, problematische Verhaltensweisen Ihres Hundes in den Griff zu bekommen. Gerade in Welpen- sowie Junghundegruppen und in gemischten Gruppen kann man lernen, den eigenen Hund bei rüpelhaftem Verhalten zu korrigieren … ein gut aufgebautes Abbruchsignal („Fiin“) und ein gezieltes Wegblocken von einem anderen Hund kann helfen, den eigenen Hund wieder auf Kurs zu bekommen. Zudem können mit einem gezielten Abbruch- und einem angefügten Rückrufsignal konstruktive Pausen geschaffen werden, bevor es erneut weiter geht.

Mit Interesse und Handlungskompetenzen können Sie Überforderungen oder gar „Beissereien“ und freilaufenden Hunden also frühzeitig und aktiv verhindern!

Der grosse Fehler

Wer es sich einfach macht und die Hunde  „machen lässt“, zerstört viel! Es gibt Hunde die lange, hilfesuchend an ihren Menschen emporspringen, weil sie mit dem anderen Hund nicht klar kommen. Die Hunde werden ständig angerempelt, gezwackt oder bedrängt und suchen Schutz bei ihrem Menschen. Diese Vierbeiner benötigen Unterstützung. Wer hier nun sagt: „Ja, der soll das selber regeln“, riskiert einen schweren Vertrauensbruch! Zudem wird sich  ein „im Stich gelassener Hund“ schnell andere Handlungsstrategien überlegen müssen, um sich künftig selber zu retten … dazu gehört knurren, zu beissen, weg rennen … denn erst, wenn Aggression mit einem Befreiungsschlag gezeigt wird, erkennt auch der letzte Hundehalter, dass sein Hund ein Problem hat. Das ist tragisch …es hätte viel einfacher und artgerechter sein können!

Schutzkreis – der sicherste Ort auf Erden

Ich arbeite mit dem Prinzip des Schutzkreises. Wenn sich einer meiner Hunde in Freilaufsituationen hilfesuchend in meinen Schutzkreis (1 Meter-Radius um mich herum) begibt, dann wird ein fremder Hund abgeblockt. Es ist dann meine Aufgabe, meinen Hund vor weiteren Rüpeleien oder Aufdringlichkeiten zu schützen. Während dieser Aktion meinerseits halte ich meine Hunde nie fest!
Wer dies bereits im Welpenalter sauber aufbaut, wird einen Hund bekommen, der innerhalb des Schutzkreises keinerlei Aggression gegen andere Hunde zeigt – Denn er hat es schlichtweg nicht nötig, weil sein Mensch die Situation regelt. Auf dem Spaziergang ist dies für mich immer  wieder hilfreich, wenn ich an Bauernhofhunden vorbei muss. Hier nehme ich meine Hunde in den Schutzkreis und kann einen herannahenden (nicht willkommenen Hund) ruhig und souverän abblocken (fernhalten), ohne dass sich meine Hunde einmischen und ihrerseits eine „Schlägerei“ provozieren.

Vom Leinen-Ochsen zum Teamplayer

Hunde sind in der Lage erstaunliche Leistungen zu erbringen – dies nicht nur körperlich, sondern auch geistig. Den Lernschluss, dass ein lockeres Gehen an der Leine  viel angenehmer wäre als sich ständig ins Halsband zu stemmen, können sie aber nicht tätigen.

Die Thematik beginnt meist in der „Kinderstube“ und entwickelt sich bis ins Junghundealter zu einem echten Problem. Beim Welpen sind die Halter noch so geblendet von der kuschelig-süssen Optik, dass man viel zu viele 5er gerade stehen lässt. Wenn der süsse Fratz dann aber langsam die 20-Kilo-Marke erreicht und mit Dynamik und Durchhaltewillen an der Leine reisst, erwachen die Halter in einem echten Albtraum.

Die „neue“ Konsequenz

Um einem Leinen-Ochsen das Zerren und Reissen abzugewöhnen sollte man sich bewusst sein, dass man das Training nochmals bei Stand 0 beginnen sollte! Zudem muss man sich „neue“ Konsequenz aneignen und vor allem trainieren! Und dies jeden Tag und zwar mehrfach!

Leinenlauftechniken gibt es viele. Ich zeige meinen Kunden innerhalb des Junghundekurses  10 Techniken, welche sie auf einem geführten Spaziergang ausprobieren können. Bereits bei den ersten Versuchen zeigt sich, welche Techniken für welches Team passend sein könnten. Und schliesslich kann jeder Kunde mit zirka 4-5 Anleitungen in den Alltag starten. Sie fragen sich jetzt sicher: „Aber sollte man nicht eine Methode anwenden und sich dieser ganz isoliert widmen?“ – „Nein“, ist meine Antwort. Denn wer mich und meine Arbeit kennt, der weiss, dass ich gerne mit dem Baukasten-Prinzip arbeite: Hier zieht man für jede Situation die  passende Schublade (Technik). Wenn ein Hundehalter beispielsweise mitten im Dorf die Gehen-Wenden-Methode anwendet wirkt das für  Aussenstehenden etwas Absurd.   …dessen ist sich der Hundehalter bewusst, wodurch sich die Wahrscheinlichkeit, dass er konsequent bleibt verringert.

Viele Wege führen zum Ziel

Die Wahl der Methode richtet sich  nach der jeweiligen Situation und  der Zug-Intensität des Hundes. So kann man von der leichten Zug-Entlastung bis hin zum „Hindere“ variieren. Das Ziel ist bei allen Interaktionen, dass die Leine durchhängt.
Im Folgenden möchte ich Ihnen vier mögliche Leinenlauftechniken vorstellen.

1. Gehen-Stehen-Aufschliessen
Diese Methode gefällt mir sehr gut, weil hier nicht am Hund herum gezerrt wird. Die Methode ist eine Weiterentwicklung der Stop-and-Go-Methode, welche ich für problematisch halte. Beim Gehen-Stehen-Aufschliessen ist es der Mensch, der den Zug aktiv entlastet. Man bleibt konsequent stehen, wenn der Hund zieht. Dann hangelt man sich bis zum Hund vor und entlastet den Leinenzug. Weiter geht es erst, wenn der Hund es schafft 3 Sekunden an lockerer Leine stehen zu bleiben.

2. Kleine Kreise laufen
Bei der Kreisel-Methode wird der Hund aktiv von der Zugrichtung abgewendet. Der Halter läuft dabei mit dem Hund einen kleinen Kreis, wobei sich der Hund im Innenradius bewegt. Bei dieser Methode muss man  darauf achten, dem Hund nicht auf die Pfoten zu treten. Ein sanftes (!) berühren mit dem Bein ist erlaubt – mit der Zeit aber nicht mehr nötig. Die sanfte Berührung kann als taktile Hilfestellung betrachtet werden. Damit wird der Hund aus seinem Zerrmodus heraus geholt.
ACHTUNG! Liebe Frauen: Bitte jeweils nur einen Kreis am Stück laufen – sonst besteht die Gefahr, dass Euch schwarz vor Augen wird (Kreislauf!). Alternativ können auch enge Schlangenlinien gelaufen werden …

3. Orientierungs-Spiel
Diese Übung kann an der Schleppleine oder im Freilauf ausgeführt werden. Das Orientierungsspiel dient dazu, dem Hund verständlich zu machen, dass ein synchronisierter Richtungswechsel und ein gemeinsames Weitergehen gewünscht wird. Das Ziel ist es, dass sich der Hund ohne Locken, Rufen oder andere verbale Hilfestellungen freiwillig an die Seite des Menschen begibt. Diese Methode gehört  in meine Ausbildungsphilosophie weil man den Hund so lenken kann, dass er von sich aus die richtigen Entscheidungen trifft –  und diese, korrekten Verhaltensweisen kann man verstärken! Beim Orientierungsspiel darf der Hund die gesamte Leinelänge ausschöpfen. Der Halter bewegt sich zielstrebig vorwärts und wechselt dabei deutlich die Laufrichtungen. Der Hund wird aus dem Augenwinkel heraus beobachtet. Wenn sich der Vierbeiner den Richtungsänderungen anpasst wird kurz verbal gelobt. Bereits nach einigen Wendungen pendelt sich der Hund links oder rechts beim Hundehalter ein und geht freiwillig an dessen Seite mit – nun darf sanft aber länger anhaltend gelobt werden! Wer mit der Nachfolge-Leistung seines Hundes sehr zufrieden ist darf nun (punktuell!) ein Gudi springen lassen!
Bedenken Sie: Bei dieser Übung ist es nicht das Ziel, dass der Hund wie in einer Begleithundeprüfung neben seinem Menschen her läuft. Der Hund muss den Menschen nicht einmal anschauen. Es geht nur um das synchronisierte Mitgehen.

4. Rückwärts-Richten
Bei dieser – sicherlich bekannten – Methode bewegt sich der Halter rückwärts und lässt den Hund auf sich zu gehen. Im Anschluss bewegt sich der Mensch wieder in die Ursprungsrichtung vorwärts. Das Rückwärts-Richten soll als Negativ-Folge für den Zug des Hundes ausgeführt werden. Bei dieser Methode, die im Alltag oft ohne Erfolg angewendet wird, muss folgendes Beachtung finden: Man darf das Rückwärts-Richten erst auflösen, wenn der Hund einem locker folgt! Oftmals wird der Hund nur ein bis zwei Schritte rückwärts gerichtet, bevor es weiter geht. Bei diesen Hunden wird das Prozedere  (nach vielen Wiederholungen)  ohne Denkleistung ausgeführt, wodurch eine Verhaltensveränderung unmöglich ist. Zudem sollte vor der Korrektur ein Abbruchsignal erfolgen, damit der Hund die Konsequenz „verhindern“ kann.

Laufziele, Pausen und Hintertürchen definieren

Wer sich mit Konsequenz an die Aufgabe „Lockeres Leinenlaufen“ heranwagt sollte sich Gedanken zum Leistungsvermögen von Hund und Mensch machen. Wer trainiert benötigt Zwischenziele, Pausen und eine Hintertür. Es ist utopisch von einem Kunden zu verlangen plötzlich zu 100-Prozent konsequent zu sein! Hilfreich ist es daher mit Laufzielen zu arbeiten. Also: „Ab hier bis zur nächsten Wegkreuzung (100 Meter Distanz) widme ich mich mit voller Konsequenz dem lockeren Leinenlaufen. Danach darf der Hund frei laufen (Pause).“ Die Pausen werden also systematisch in das Training integriert. Pausen schaffen Energie für eine weitere Trainingseinheit!

Wer dringend von A nach B muss, sollte sich einen Plan C bereit halten. Denn wer keinen Plan C hat, läuft Gefahr in die Inkonsequenz-Falle zu tappen und das Training zu verwässern. Ein hilfreiches Hintertürchen für den Alltag kann beispielsweise die Benützung eines Halsbands und eines Brustgeschirrs sein. Mit der Leine am Brustgeschirr ist man grosszügiger was das Ziehen anbelangt. Wenn die Leine aber am Halsband befestigt ist, sollte man volle Konsequenz walten lassen.

Strafe und bedenkliche Hilfsmittel

Es gibt Methoden, die das ständige Leinenziehen über Strafmassnahmen eindämmen. Dazu zähle ich Stachelhalsbänder, Endloswürger (beides in der Schweiz verboten!), fragliche Anti-Zug-Geschirre (drücken dem Hund auf die Blutgefässe und Nerven!), Schlauchwurfmethoden, Wasser spritzen, Schlagen und Treten… Einige dieser fraglichen Hilfsmittel und Methoden erreichen ihr Ziel – doch die Ethik wird Aussen vor gelassen. Wer seinen Hund tatsächlich über Angst und Schmerz „erziehen“ will, der sollte die Art seiner postulierten „Hundeliebe“ wirklich überdenken!

 

 

„Darf er mal Hallo sagen?“

„Darf er mal Hallo sagen?“ Dies ist eine Frage, die man auf dem Spaziergang des Öfteren zu hören bekommt. Doch macht es Sinn, diesem Wunsch nachzukommen und den Kontakt zwischen zwei fremden Hunden zuzulassen? Diese Frage ist im Alltag oft schwer zu beantworten. Das Wissen über die Vorlieben, Abneigungen und die Tagesform des eigenen Hundes sowie ein Grundwissen über die Körpersprache unserer Vierbeiner bringt die Antwort!

„Nein“ zu sagen ist erlaubt und oftmals die richtige Entscheidung

Meine Kunden stellen mir oft die Frage, wie sie in der oben beschriebenen Situation entscheiden sollen. Aus dem Stehgreif heraus gibt es nur eine Antwort: „Wenn Sie ein schlechtes Gefühl haben, dann sagen Sie Nein!“ Denn aus meiner Sicht, haben die Hundehalter oft ein gutes Bauchgefühl, was die Befindlichkeiten ihres Vierbeiners angeht. Lieber weniger Hund-Hund-Kontakte, als schlechte Begegnungen – So meine Empfehlung.

Aufgeregte Hunde vergessen ihre Manieren

„Gibt es Leitplanken, um sich besser entscheiden zu können“, ist dann die Frage! – „Ja“, lautet hier die Antwort.

Stark enervierte Vierbeiner vergessen bei Direktbegegnungen oftmals ihre guten Manieren  und rempeln einen Artgenossen ungehemmt an, pressen ihm die Nase unter den Po und grummeln bei  Gegenwehr sofort drauf los. Die Situation wird vermutlich eskalieren, wenn der erregte Hund zuvor auch noch zerrend und winselnd an der Leine auf den zweiten Hund „los keuchen“ konnte. Ob eine Schlägerei folgt, hängt jetzt vom zweiten Hund und von den Besitzern ab …

 


Bei dieser  Hundegruppe passt es!

 

Unterschiedliche Stile – unterschiedliche Bedürfnisse

In meinen Workshops zum Thema „Prävention von Raufereien im Freilauf“ geht es unter anderem darum zu erkennen, welche Bedürfnisse der eigene Hund hat und auch darum ein passendes oder unpassendes Gegenüber zu erkennen. Dazu stelle ich zu Beginn immer folgende Frage: „Wie ist der Begegnungs- und/oder Spielstil ihres Hundes?“ und „Welche Verhaltensweisen mag Ihr Hund an Artgenossen?“.
Bei meiner Border Collie-Hündin würde ich folgendes antworten: „Meine Hündin mag zurückhaltende Hunde. Bei Begegnungen läuft sie einen kleinen Bogen auf den anderen Hund zu – aber nur wenn dieser keine Hektik ausstrahlt. Dann schnuppert sie kurz am Gegenüber, trabt dann meist  vom anderen Vierbeiner weg und widmet sich einer Schnupperstelle. Im Spiel (kommt nur mit auserwählten Hunden vor!) liebt sie es vorne weg zu rennen – sich nach einem abrupten Stopp überholen zu lassen und dann in eine andere Richtung weg zu rennen. Richtiges Kontaktspiel gibt es nur mit Hunden, die sie auf Anhieb mag und denen sie vertraut. Sie braucht bei Begegnungen und im Spiel stets Distanz! Sie kann Hunde nicht leiden, die körperlich spielen oder sie bei Begrüssungen anrempeln, sie hastig abschnuppern oder ihr kurz die Pfoten auf den Nacken legen!“

Nun, die Antwort eines Labrador oder Boxer-Halters würde sicherlich komplett anders ausfallen. Diese Hunde (vor allem die jungen) lieben körperbetonte Spieleinheiten. Die Frage, ob ich mich für einen Freilauf zwischen einem jungen Labrador und meiner Border-Hündin entscheiden würde liegt somit auf der Hand. Denn zwei solch unterschiedliche Hunde werden in einem Freilauf wohl nicht glücklich miteinander – die Vorlieben divergieren zu stark. Also: „Nein. Ein Hallo-Sagen ist nicht günstig!“

Bei Begegnungen an der Leine ist Vorsicht geboten!

Von Hundebegegnungen an der Leine  würde ich generell abraten. Denn der Faktor Mensch ist hier viel zu Präsent! Leinenbegegnungen kommen nur bei Hunden gut, die ein tiefes Energieniveau und Kontaktsicherheit aufweisen (Situationsbezogen!) sowie nur mit Menschen, welche ihre Körpersprache und ihre Leinenhandbewegungen im Griff haben.

Aufgrund der Komplexität des Themas möchte ich hier lediglich zwei problematische Szenarien ansprechen: Wenn sich bei Hundebegegnungen die Leine spannt, versteift sich der Hund, weil er evtl mit dem Abschnuppern noch nicht fertig ist – das wiederum führt dazu, dass er situationsbedingt falsche Körpersignale gibt. Die Anspannung kann vom Gegenüber als Warnzeiger verstanden werden – und schon kann die Situation eskalieren. Und es sei betont: Die Reaktionszeit des Menschen ist zu lange, um im Fall der Fälle schlimmeres zu verhindern.

…wenn es in der genannten Situation nicht zur Schlägerei kommt, drehen die beiden Hunde aufgrund der körperlichen Nähe (durch die Leine bedingt) evtl stark hoch, was sich dann wieder mit einem kleineren oder grösserem Manierenverlust bemerkbar macht.

Gemeinsame Wege beschreiten

Wenn Sie also einen Hundehalter mit einem potentiell passenden Hund treffen (beide Hunde an der Leine). Dann schlagen Sie ihrem Gegenüber erst einmal vor, gemeinsam weiter des Weges zu gehen… Und erst wenn sich beide Hunde beruhigt haben (trotten neben ihren Menschen her und beginnen ruhig und konzentriert an Grasbüscheln zu schnuppern) kann die Leine für einen Freilauf gelöst werden.

Ist das „Hallo-Sagen“ ein Grundbedürfnis unserer Hunde?

Hier findet sich ein anderer, problematischer Kernpunkt: Nicht jeder Hund will jeden anderen Hund beschnuppern oder gar mit ihm spielen! Grundsätzlich geht man mit seinem Hund als geschlossenes Rudel durch die Welt. Fremde Hunde sind Fremde und müssen nicht immer begrüsst werden. Aufgrund der gemachten Erfahrungen, des Hormon- oder des Gesundheitszustandes,  der Tagesform, des Alters, der aktuellen Situation oder der Passung zwischen den Hunden kann ein Freilauf (entweder begegnen sich die Hunde „Frei laufend“ oder werden gezielt für einen Kontakt von der Leine gelassen) günstig oder ungünstig  sowie gewünscht oder unerwünscht sein. Es gibt also viele Gründe, weshalb ein Hundehalter seinen Vierbeiner bei einer Hundebegegnung lieber an der Leine vorbei führt … Dies gilt es zu respektieren!

 

 

Instantlösungen: Eine Illusion!

Hunde passen sich unseren Lebensverhältnissen und unserem Rhythmus erstaunlich gut an. Sie internalisieren unser Lebenstempo und kommen ins parallele Schwingen. …so zumindest sollte es sein – wenn man seine Erziehungsaufgaben richtig erfüllt hat und den Bedürfnissen des Lebenspartner Hund nachkommt.

In der Praxis begegnen mir täglich Hundeteams  bei denen das  Schwingen  noch in der Chaosphase steckt. Die Angleichung befindet sich im besten Falle in der Aufbauphase. In anderen Fällen sind die Kurven am auseinander driften. In letzterem Beispiel wird dann oft nach Instantlösungen verlangt. Es werden Methoden und Vorgehensweisen gewünscht, die ein problematisches Verhalten innert Tagesfrist nachhaltig verändern. Dass wir hier über den Hund sprechen ist klar! Dass Veränderungen aber vor allem auf Seiten des Halters geschehen müssen, ist das schwierige an der ganzen Sache.

„Mein Hund knurrt mich an!“

Ein häufiges Problem ist die Situation rund um den Futternapf. Wenn es hier zu Aggressionen gegen den Halter kommt, ist klar, dass schnelle Abhilfe geschaffen werden muss. Dem Hund das Knurren abzugewöhnen ist mit viel Druck und Präsenz sicher schnell machbar – was hier aber in erster Linie gemacht wird, ist reine Symptombekämpfung.
Ja. Das Knurren hört auf! Die Wahrscheinlichkeit, dass man nun aber einen Hund bekommt, der zwar nicht mehr knurrt, sondern direkt zubeisst ist immens gross – und dieses Gratispäckchen will sicherlich niemand!

Die Sache mit den Gefühlen

In meiner langjährigen Tätigkeit als Verhaltenstherapeutin ist mir eines deutlich geworden: Wer die emotionale Komponente hinter einem Verhalten ignoriert, wird keine nachhaltige Veränderung erreichen können!

Dieser Satz ist essenziell! Und dieser Satz macht die ganze Sache kompliziert! Denn dieser Satz bedingt, dass man selbstreflexiv agiert – und dies wiederum bedingt den klaren Willen zur Veränderung.

Negativspirale im Aufwind

Im Beispiel mit dem Napf kann die emotionale Komponente auf Seiten des Hundes Unsicherheit oder Angst sein. Negative Emotionen, denen nun mit negativen Interventionen (Positiver Strafe) begegnet wird, lösen noch mehr negative Emotionen auf Seite des Hundes aus – Die Negativspirale bekommt einen Kick!
Meiner Meinung nach geht es bei diesem Beispiel aber nicht primär um den Napf. Es geht vielmehr um das Vertrauensverhältnis zwischen Hund und Mensch. Denn in diesen Fällen finden sich im Alltag und im Handling zwischen den Kontrahenten weitere Problemfelder!

Eine Instantlösung ist also schlichtweg nicht machbar…!

Stadien der Veränderung

Die meisten von uns kennen die Unzufriedenheit mit dem eigenen Gewicht und den Handlungsvorsatz zu mehr Bewegung und zu gesünderer Ernährung. Vielfach bleibt es beim Vorsatz zur Veränderung – das Erreichen des Ziels bleibt oft unerreicht.

Das Transtheoretische Modell (Prochaska/DiClemente 1982) entlarvt den theoretischen Stolperstein hinter diesem Beispiel. Es zeigt auf, dass eine dauerhafte Verhaltensänderung mit Anstrengung und Konsequenz verbunden ist. Bevor dies aber möglich ist, muss die Selbsreflexion und die Handlungsbereitschaft hervortreten.

Das 6-Stufen Model erklärt, was passiert:
1. Die Absichtslosigkeit (precontemplation)
beinhaltet keine Reflexion über eine mögliche Verhaltensänderung; Sie ist durch Passivität und Verneinung gezeichnet. 2. In der Stufe der Absichtsbildung (Kontemplation) wird die eigene Situation überdacht. Sie ist aber von  Ambivalenz gekennzeichnet. 3. In der Vorbereitungsphase (preparation, Determination) beginnt erst die ernsthafte Reflexion. Der Entschluss zur Änderung wird gefasst. 4. Nun erreicht man die Handlungsphase (action). Es werden konkrete Schritte zur Veränderung unternommen. 5. In der Aufrechterhaltungsphase (maintenance) muss man Rückschläge überwinden, den Prozesses der Verhaltensänderung fortsetzen und damit Veränderung festigen. 6. Der Rückfall / Ausrutscher (relapse) schliesst den Kreis ab … Eigene Regeln wurden verletzt. Der Rückfall wird als normales Ereignis bzw. als Stadium der Veränderung bewertet. Nun braucht es ein neues Eintauchen in den Kreislauf der Veränderung.

Ab der 3. Stufe kann ein Verhaltenstherapeut Unterstützung bieten. Seine Aufgabe ist, es ein klares Bild der Hintergründe zu zeichnen und den Anstoss zur Veränderung zu geben.

Es liegt beim Hundehalter

Wie es weiter geht liegt beim Hundehalter. Hier benötigt es ein dauerhaftes Umdenken. Denn nur so ist Veränderung langfristig möglich. Im Falle des Futternapfs bedingt dies vermutlich die Etablierung eines wohlwollenden und unterstützenden Umgangs im Alltag. In einem meiner „Hundenapf-Fälle“ hat eine Veränderung des Handlings das Problem zu 90-Prozent positiv verändert. Dem Halter war nicht bewusst wie gewaltgeprägt sein alltäglicher Umgang mit dem Hund tatsächlich war – das ganze passierte ungewollt! Der Hund wurde ständig bedrängt, überfordert und in seinen Anliegen nicht beachtet. Die Selbstreflexion war mit Videoanalysen möglich – die Reaktion auf Seiten des Halters erstmals von Trauer und Selbstvorwürfen geprägt. Schliesslich aber hat es dieses Team geschafft sich dauerhaft zu verändern und den Prozess des „Gleichschwingens“ begonnen… Mit viel Zeit, Schweiss, Tränen und schliesslich mit tiefer Dankbarkeit.

 

So klappt es mit dem Rückruf

Eines der wichtigsten Signale im Alltag mit einem Hund ist der sichere Rückruf. Doch wie kriegt man es hin, dass der Vierbeiner zuverlässig kommt, wenn man dies verlangt?

Um diese Frage zu beantworten muss man sich im Klaren sein, dass es hierbei nicht um ein schlichtes „Rufen und Kommen“ geht. Es geht um Verständigung, Rückorientierung, um Struktur, Bindung und Beziehung, sowie um das Verständnis für den eigenen Hund. Daher sind gute Rückrufkurse vielschichtig aufgebaut.

Äusserst hilfreich ist es, wenn man sich selber (kritisch!) folgende Fragen stellt: „Wie viel rede ich auf dem Spaziergang mit meinem Hund?“ und „Wie oft beharre ich auf das, was ich gerade möchte?“.
Diese zwei Fragen sind insofern wichtig, weil man im Umgang mit Kommandos immer einen „Plan im Kopf“ haben sollte, den man schliesslich auch konsequent verfolgen muss. Zudem degradiert man sich selber zum Hintergrundgeräusch, wenn man den eigenen Hund ständig mit Wortsalven überhäuft. So hört (mit der Zeit) kein Hund mehr hin, wenn man wirklich einmal etwas möchte.

Der „Spielverderber-Fehler“

Sinnvoll kann es auch sein, sich zu fragen, wann der eigene Hund normalerweise zurückgerufen wird – ist es hauptsächlich, wenn sich in der Ferne etwas tut oder wenn die Leine umgelegt wird. In diesem Fall könnte es sein, dass Sie sich selber zum Spielverderber abstempeln. Gerufen wird also, wenn das Freispiel unter den Hunden beendet wird. Oder der Rückruf ertönt, wenn Herrchen/Frauchen eine Katze, einen anderen Hund oder eine herannahende Person sieht. Solche Verhaltensketten sind grosse Stolpersteine, um einen sicheren Rückruf zu etablieren.

Ein weiterer wichtiger Punkt betrifft die Rückorientierung. Ein Hund, der seinen Menschen auf dem Spaziergang öfter anschaut, kommt auf Rückrufsignale zuverlässiger, als ein Hund, der von sich aus keinen Kontakt zu seinem Menschen herstellt. Daher sollte man freiwillige Blicke des Hundes zumindest verbal quittieren, um den Kontakt (vor allem im Freilauf) zu verbessern und aufrecht zu erhalten.

Der Kopfhörer-Fehler

Wer sich mit seinem Hund auch im Aussenbereich verbinden möchte, sollte dies mit ehrlicher Hingabe tun. Also: Kopfhörer raus! Handy in die Tasche! und gemeinsam etwas unternehmen! Eintönige Spaziergänge auf den ewig gleichen Wegen, ohne Interaktion sind für Hunde langweilig. So erhöht sich die Gefahr, dass der Hund in seine eigene Welt abdriftet und das Mensch-Hund-Gespann nur nebeneinander her trottet, als miteinander unterwegs zu sein. Wie Sie die Interaktion mit Ihrem Hund gestalten, hängt von Ihrem und dem Typ Ihres Hundes ab. Grundsätzlich sollte man tun, was Spass macht! Schnüffelaufgaben, Tricks, Sucharbeiten, Interaktions- oder Bewegungsspiele sowie Führungslektionen und Nachahmungsaufgaben sind nur einige mögliche Beispiele aus dem Aktionskatalog Mensch-Hund. Bauen Sie jeweils kurze, abwechslungsreiche Einheiten in ihre Spaziergänge ein und lassen Sie den Hund anschliessend wieder mit Ihnen weiter ziehen.

Kurz und knapp heisst die Devise

Einige Hunderassen kommen mit ewigen Übungs-Wiederholungen nicht gut zurecht. Und so kann es sein, dass sich bei Lagottos oder nordischen Hunden (nur 2 Beispiele von vielen) bereits nach 3 Wiederholungen derselben Übung ein deutlicher Leistungsabfall bemerkbar macht. Das muss berücksichtigt werden! Beim gezielten trainieren des Rückrufs also lieber weniger Wiederholungen am Stück verlangen. Dafür kann man dieselbe „Lektion“ etwas variiert und situativ angepasst, immer wieder mal (an anderen Standorten auf dem Spaziergang) einbauen.

Und schliesslich sollten Sie ihr Handling überdenken: Viele Hunde machen auf dem „letzten Meter“ einen Fehler (drehen auf Armlänge ab) oder schnappen sich das Gudi und sind schneller wieder weg als sie gekommen sind…. In diesen Fällen stimmt vermutlich an ihrem Handling etwas nicht: Fassen Sie Ihren Hund an unbeliebten Körperstellen an? „Greifen“ Sie sich den Hund beim vorbei rennen? Sind Sie eventuell nicht klar in der Kommunikation (signalisieren Sie Ihrem Hund, dass er nach dem Erhalt der Belohnung wieder weg darf) oder sind sie gar zu hektisch? All diese Faktoren beeinflussen, wie und ob der Hund in Ihren Nahbereich tritt und hier verweilt… Lassen Sie sich in diesem Fall von einem guten Hundetrainer beobachten und das Problem analysieren.

 

 

 

Der Schlüssel zum erfolgreichen Miteinander

Es ist derzeit „modern“ mit „7-Regel-Anleitungen“ oder „12-Punkte-Plänen“ die Ausbildung seines Hundes zu gestalten. Denn überschaubare Regeln komprimieren die Komplexität des Zusammenlebens auf 7, 12 oder sogar 3 Punkte.

In der Wirklichkeit ist es schliesslich aber doch etwas komplizierter … denn ein Miteinander hat viele Facetten. Der Entwicklungsstand des Hundes spielt eine Rolle, die Umwelt und das eigene Befinden werden zum Selbstläufer – und schon gerät das angestrebte Miteinander aus dem Ruder.

Vor Kurzem berichtete mir eine Kundin, dass ihr vom Züchter gesagt worden sei, dass ihr nun gerade mal 10 monatiger „Belgier“ bereits als Welpe dominant gewesen sei und dass sie es mit diesem Hund vergessen könne, sich anderen Hundehaltern anzuschliessen. Aus meiner Sicht handelt es sich bei diesem zarten Exemplar von Hund, um eine feine Seele, die wohlwollender und sicherer Unterstützung bedarf. Und tatsächlich: Obwohl sich der Hund im Umgang mit anderen Vierbeinern scheinbar rüpelig und total aufdringlich zeige sowie kneiffe, konnte der „Belgier“ bereits nach wenigen Minuten mit meinem Kurzhaar-Collie-Rüden angemessen interagieren. Was war geschehen?

Mein Gian war ruhig, klar, setzte angemessen Grenzen und bot neue Chancen. Und nach einigen Minuten reichte ein Blick aus, um den pupertierenden Jungspund auf Abstand zu halten; und ein anderer Blick, um ihn zu einem Rennspiel einzuladen.

Erziehung und Ausbildung

Im Miteinander mit dem Hund macht es Sinn zwischen Erziehung und Ausbildung zu unterscheiden. So geht es bei der Erziehung, um die Vermittlung von sozialen Regeln im Zusammenleben mit Mensch und Tier. Bei der Ausbildung hingegen werden bestimmte Handlungsabläufe für bestimmte Tätigkeitsfelder vermittelt. So muss ein Agilityhund beispielsweise nicht dieselben Dinge „lernen“, wie ein Fährten- oder ein Trickhund.

Dass ein Hund in unserer Gesellschaft aber nicht zu allen Menschen hinläuft, um diese Abzuschnuppern, dass er lernt sich in Geduld zu üben, dass man Artgenossen nicht anrempelt, Katzen freien Rückzug ermöglicht und der Ball in der Hand des Menschen nicht „geklaut“ werden darf, ist aber was anderes.

Ein ausbaubarer, gemeinsamer Nenner

„Punkte-Pläne“ für eine zielgerichtete Ausbildung und Erziehungstipps haben aber einen gemeinsamen Nenner: Eine klare und wohlwollende Konsequenz!

Und damit wird das gemeinsame Leben mit dem Hund wirklich überschaubar. Und Überschaubarkeit kann vor allem Neuhundehaltern helfen, sich im Dschungel von Tipps und Anleitungen zurecht zu finden. Denn viele Hundehalter wissen gar nicht mehr, wo sie bei der Erziehung und Ausbildung ihres Vierbeiners ansetzen müssen.

„Gian“ hat es im Zusammentreffen mit dem jungen „Belgier“ deutlich gezeigt: Wohlwollende Konsequenz ist der Schlüssel zum erfolgreichen Miteinander.

Der „Plan im Kopf“

Wer seinen Hund erziehen und ausbilden möchte, sollte sich im Klaren sein, was er möchte. Man sollte immer einen „Plan im Kopf“ haben, bevor man mit dem Hund interagiert. Das gilt für Gesagtes genau so, wie für Handlungen. Wer keinen Schimmer hat, was er eigentlich möchte, der kann auch nicht klar Kommunizieren. Zudem gelten Regeln heute, nächste Woche und auch übernächste Woche! Und wer hier meint, dass Konsequenz beim Hund beginnt und beim Hund endet, hat die wichtigste Regel noch nicht verstanden! Konsequenz beginnt beim Halter! Schliesslich ist er es, der den besagten „Plan im Kopf“ hat!

Aber: Wer nicht erkennt, wo die Leistungsgrenzen seines Hundes anfangen und enden, der wird es nicht weit bringen… Den der „Plan im Kopf“ sollte mit dem Leistungsverhältnis des Hundes korrelieren!

Hilfreich kann es sein, wenn man „smart“ vorgeht:
Spezifisch, Messbar, Adäquat, Realistisch und Terminiert.

Wenn man sich also bewusst ist, was man möchte, sollten Leistungsveränderungen erkannt und kontextbezogen einstufbar sein. Zudem sollten realistische Zwischen- und Endziele definiert werden – wofür man sich einen Zeitplan zurechtlegt.

Beispielsweise: Innerhalb einer Woche möchte ich, dass mein Hund 1 Minute eine Sitz-Stellung halten kann, während ich mich 10 Meter von ihm entferne. Im Anschluss gehe ich zum Hund zurück, wobei dieser die Sitz-Position hält, bis ich ihn „Frei-Gebe“. Dieses Ziel möchte ich auf dem Spaziergang (auf freiem Feld) ohne besondere Ablenkungen (vorbeigehende Personen o.a.) erreichen.

Dieses Ausbildungsziel kann mit wohlwollender Konsequenz durchaus erreicht werden. Also: Ruhig agieren, klar kommunizieren, fehlerhaftes Verhalten (Aufstehen) angemessen korrigieren (auf den zugewiesenen Platz zurückführen) und neue Chancen für Leistungsverbesserungen bieten.

In diesem Sinne wünsche ich Euch ein wohlwollendes, konsequentes und smartes Planen Eurer Hundeerziehung und Ausbildung.

Bildlegende:
Auch Gian musste lernen, dass man auf einen „Murmeli-Pfiff“ nicht ins Gelände hechtet! Eine wohlwollende, vorausschaubare Haltung, ein sauber aufgebautes Abbruchsignal und den Blick für tolle Verhaltensansätze haben das klar definierte Ziel - Bei einem „Murmeli-Pfiff“ stehen zu  bleiben und Kontakt mit mir Aufzunehmen - erreichbar gemacht.

Die Krux mit der Belohnung

Es gibt, neben dem Kastrationsthema, wohl kein anderes, das die Hundehalter-Gemeinschaft zu mehr Diskussionen anregt, wie das Thema Belohnen. Doch welcher Weg ist der richtige?

Der grosse Streit und das 180-Grad-Driften

Brandaktuell ist beispielsweise der Streit, ob man Hunde in der Ausbildung überhaupt belohnen, sprich „bestechen“ darf oder aber ob man jeden einzelnen kleinen Schritt mittels Click und Futter bestätigt. Die Vertreter der „Erziehung ohne Futterbelohnung“ behaupten, dass ein echter „Rudelchef“ niemals etwas an einen untergebenen Sozialpartner abgibt und dass jeglicher Futtereinsatz reine Bestechung wäre. Die Futter-Fraktion hingegen setzt gänzlich auf positive Verstärker und belohnt in der Ausbildung jeden Mini-Erfolg mit einem Leckerli, um die Motivation des Hundes hoch zu halten. Um die Verwirrung beim Kunden auf den Höchststand zu treiben, gibt es zudem sogar innerhalb der verschiedenen Lager heftige Diskussionen um die Art der Belohnung oder die Art der Ausbildung per se. Und schliesslich bekommt der Kunde – je nach Trainer – völlig unterschiedliche Theorien vorgesetzt, die teilweise 180-Grad auseinander driften.

Da gibt es beispielsweise die „Nur aus dem Futter-Beutel-Belohnungs-Regel“, die „Ja keine Würstli-Abgabe-Regel“, die „Belohne nur mit Spielzeug-Regel“, die „es wird nur Gelobt oder Gestreichelt-Regel“ die „Belohne-Nie“-Regel oder sogar die „Lobe-Nie-Regel“. Die Einen argumentieren bei Futterbelohnungen damit, dass der Hund sich sein Fressen ausschliesslich erarbeiten muss und dass man den Hund nie aus dem Napf füttern sollte. Wieder andere meinen, mit der Gabe von Futterbelohnungen zerstöre man das „wilde, ursprüngliche Wesen“ des Haustiers Hund. Die Gemeinsamkeit hinter diesen Regeln ist ein Schwarz-Weiss-Denken. Es wird eine Lösung propagiert, während dessen alle anderen „für die Tonne“ seien.

Woher gewisse Ansichten stammen, ist mir ehrlich gesagt schleierhaft, und dennoch; viele folgen diesen teilweise absurden Regeln.

Doch, um was geht es bei dieser erschreckend grossen Diskrepanz in der Argumentationslinie der Hundetrainer? Diese Frage wird umso bedeutender, wenn man die Tatsache betrachtet, dass alle „Profis“ behaupten, sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse zu beziehen! Wenn man diese Aussage genauer betrachtet, sollten die propagierten Methoden dann aber nicht um ein Vielfaches homogener ausfallen, als sie es derzeit sind?

Für mich liegt die Erklärung darin, dass die Daten aus der Grundlagenforschung breitgefächerten Interpretationen unterliegen.

Interpretationen führen zu unterschiedlichen Philosophien

Wissenschaftliche Studien liefern empirische Daten, die durch methodisch-systematische Versuchsanordnungen gewonnen werden. Diese Daten werden interpretiert und daraus entstehen Hypothesen und Theorien, welche sogar im wissenschaftlichen Umfeld divergent ausfallen. Die Interpretation der Erkenntnisse ist also der Schlüssel zu dieser oder eben jener „Philosophie“.
Et voilà….: Und schon haben wir unterschiedliche Theorien zu ein und demselben Problem.

Die Krux bleibt also weiterhin bestehen: Nach welcher Philosophie, sprich nach welcher Theorie gehe ich in der Belohnungsfrage artgerecht vor?

Die Frage lautet erstmals: Ist belohnen sinnvoll und natürlich?

Vielleicht liefern die in der Verhaltensbiologie gesammelten Erkenntnisse die Antwort:
So wurde herausgefunden, dass Wölfe und Hunde ihre soziale Anerkennung über Schnauzen lecken, Fell belecken, Spielaufforderungen, Zusammen Ruhen u.a. ausdrücken. Somit wäre es sicher nicht falsch zu schlussfolgern, dass auch wir unsere Anerkennung mit Streicheln und Zuneigung ausdrücken. Eine andere Erkenntnis betrifft den Zugang zu Ressourcen. Hier wurde ermittelt, dass höher gestellte Tiere in sozialen Gemeinschaften wie in einem Wolfsrudel oder einer permanenten Hundegruppe auch weniger hoch gestellten Tieren Zugang zu Ressourcen wie Futter oder begehrten Liegeplätzen ermöglichen. Somit ist die Gabe von Futter oder der Zugang zu einem begehrten Liegeplatz durch den Menschen an den Hund grundsätzlich nicht als problematisch zu bezeichnen. Anders gesagt, können diese Möglichkeiten auch als Belohnungen eingesetzt werden – eine Belohnung des Menschen für den Sozialpartner Hund.

Das schlichte Fazit: Belohnen ist also grundsätzlich möglich und natürlich!

Das Sowohl-als-auch-Prinzip

Und damit können wir uns der zweiten Frage widmen: Wie sollen wir belohnen?

Ist es sinnvoll der Doktrin zu folgen, reine Futterbelohnungen, nur Spielzeug oder nur Lob als Belohnung einzusetzen?

Für die Beantwortung dieser Frage sollten wir uns vor Augen führen, dass wir Individuen sind – und Hunde sind es auch. Damit reicht ein Schwarz-Weiss-Raster mit einem simplen „Entweder-Futter oder Spielzeug-Belohnungs-Prinzip“ sicherlich nicht aus, um das Individuum und dessen Bedürfnisse zu erfassen. Zudem ist ein Bedürfnis immer vom Kontext, also von der situativen Gegebenheit abhängig. Nur mit Futter, nur mit Spielzeug oder nur mit Lob zu belohnen wird daher nie in allen Situationen Anklang finden. Und eine Belohnung ist ja nur eine Belohnung, wenn sie als gewinnbringend empfunden wird. Damit wäre es ratsam sich eines „Sowohl-als-auch-Prinzips“ zu bedienen. Ein System welches grundsätzlich alle Belohnungsvarianten beinhaltet – und dem Individuum und der Situation entsprechend eingesetzt werden kann.

Ein fressbegeisterter Hund darf also in passenden Situationen mit Futter bestätigt werden. Ein spielbegeisterter Hund darf spielen, wenn er dies in der jeweiligen Situation als belohnend empfindet. Ein Schmusehund darf für einen gelungenen Rückruf ausgiebig gestreichelt werden. Ein ausgesprochener Nasenhund darf als Belohnung eine Spur verfolgen, ein an sozialkontakten interessierter und freundlicher Hund darf mit einem Freilauf belohnt werden…usw.

Vorsicht Falle – Mitdenken erlaubt!

Zwei Punkte sollten beim Belohnen allerdings beachtet werden:
– Wenn sich der Hund bei einer Belohnungsart zu stark enerviert ist die Belohnungsvariante evtl. nicht gut gewählt oder die Handhabung der Ressource durch den Halter ist ungünstig.
– Wenn die Belohnung falsch verwendet wird, wird unter Umständen unerwünschtes Verhalten verstärkt und man erreicht das Gegenteil von dem was man möchte.

Belohnungen einzusetzen bedeutet somit situativ und individuell zu arbeiten. Das wiederum ist nicht immer ganz einfach und erfordert einiges an Fachwissen. Aber den Fehler zu machen, gänzlich auf Belohnungen – und wie ganz krasse Meinungsvertreter, sogar auf Lob – zu verzichten, lässt doch am Sachverstand der jeweiligen „Fachpersonen“ zweifeln.

Meine Wahrheit liegt in der süssen Mitte

Abschliessend darf gesagt werden, dass die „Wahrheit“ bei der Abgabe von Futter oder anderen Belohnungen vermutlich in der Mitte von allen propagierten Lösungen liegt: Ein „zu viel“ ist genauso unsinnig, wie ein „zu wenig“. Im richtigen Mass eingesetzt, passend platziert und variantenreich angeboten ist aus meiner Sicht der Schlüssel zum Erfolg.